Falk im Interview (Teil 1)

Veröffentlicht auf von Thomas Euler

Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, ein längeres und äußerst interessantes Telefoninterview mit Falk zu führen. Im ersten Teil reden wir über die Geschichte von HipHop in den Medien und von HipHop-Medien selbst. Außerdem darüber, wie unsere Kultur heute in den Medien dargestellt wird, wie es dem Untergrund geht und wie bedeutend Skills heutzutage eigentlich sind. Am Samstag wird es dann den zweiten Teil geben.

>> Da wir nun mit Headspins ein Blog und damit ein recht junges Medium
starten, interessiert mich die Entwicklung der deutschen
HipHop-Medienlandschaft wie Du sie mitbekommen hast. Was waren die
wichtigsten Schritte bis heute und was ist der aktuelle Stand?

Da bin ich zufällig grade sogar richtig tief im Thema, weil ich für die
kommende Juice-Ausgabe "Rap in D II" einen ähnlichen Artikel geschrieben
habe. Angefangen hat das ganze Ende der 80er mit ersten Fanzines.
Einigen Leuten war aufgefallen, dass es keine vernünftige
Berichterstattung über HipHop in der sonstigen Musikpresse gab und so
haben sie angefangen, ihre Texte auf Schreibmaschinen zu tippen. Damit
sind sie dann in Kopierläden gegangen und haben einige Kopien auf A3
machen lassen, die dann getackert und mit Hilfe von Plattenläden
vertrieben wurden.

Ende der 80er erschienen dann die ersten gewöhnlichen Magazine. Die
Mixage, B.A.D. , Network Press usw, waren die ersten DJ Magazine die
sich auch Intensiv mit Rap beschäfftigten. Interessant ist, dass viele
Leute, die zu dieser Zeit über HipHop geschrieben haben, heute nach wie
vor in anderen Bereichen im HipHop-Kontext ihr Ding machen. Spaiche von
Aggro Berlin hat damals ebenso geschrieben wie André Luth, der Begründer
von Yo Mama Records.

Uns allen ging es damals halt immer so, dass wenn wir Artikel über HipHop
in normalen Magazinen lasen "Hier ein Fehler, noch ein Fehler und da
noch ein Fehler." dachten. Das waren einfach Artikel, die von Leuten
geschrieben wurden, die nichts über HipHop wussten. Deswegen waren wir
einfach froh, dass es dann irgendwann Presse aus unserer Mitte gab.

Das hat mich dann auch 1994 dazu bewegt, bei der Intro anzurufen. Ich
hab Ihnen gesagt: "Ihr braucht was über HipHop und ich bin Euer Mann,
der es schreibt". So ist es dann auch gekommen.

Im Fernsehen gab es anfangs Yo! MTV Raps und direkt zum Start von Viva
1993 kam auch Freestyle ins Fernsehen. Ab dann gab es ebenfalls die
ersten vereinzelten Musikvideos von deutschen Rappern und viele
Liveauftritte im Studio. Im selben Jahr ist auch die Backspin erstmals
erschienen, damals noch in einer Mischform aus bunten und schwarzweißen
Seiten. Außerdem ist sie nur unregelmäßig alle 2-3 Monate rausgekommen.
1997 hat sich dann die Juice im Zeitschriftenregal dazugesellt.

Fett MTV wurde 1998 gegründet als moderierte Sendung, wobei die
Moderatoren immer sehr schnell wechselten. Viva hat darauf jedenfalls
mit Mixery Raw Deluxe und Viva 2 mit Supreme reagiert. Damals gab es
also drei moderierte HipHop-Formate im deutschen Fernsehen.

Parallel dazu, so in den Jahren 1997-2000, gab es auch immer mehr
Rapsendungen in den offenen Kanälen im Radio. Ich habe zum Beispiel
selbst an einer Show in Hannover mitgewirkt. Weil wir das ganze komplett
live und ohne Vorbereitung improvisiert haben, sind dann auch einige
Aussagen über den Äther gegangen, die weniger konform mit den
Vorstellungen der Radioleute waren. Als wir uns dann beim Sender
verantworten mussten und die mitbekommen haben, dass unsere Sendung
komplett live war und die Leute bei uns tatsächlich in der Sendung
angerufen und gefreestylet haben, waren wir plötzlich die Geilsten für
die, weil es sowas bei den anderen Sendungen nicht gab.

Und heute ist das ganze Ding einfach explodiert, natürlich vor allem
Dank des Internets.

Mixery Raw Deluxe und Wordcup waren dann auch die ersten beiden Shows
die im Internet an den Start gingen. Es gibt unzählige Blogs, teilweise
zu den speziellsten Themen, etwa nur die Mucke von '83-'87. Jede Crew
betreibt ihre eigene Website, es gibt eine Menge an Podcasts,
Radiosendungen und mehr. Beinahe ist es schon zuviel. Daher bin ich mir
auch sicher, dass es eine Konzentration geben wird und sich Qualität
dann durchsetzt.

>> Das Wildstylemag hat kürzlich im Zusammenhang mit dem Vorschlag von
Patrice zu einem "Talk Battle Royal" scharf die Berichterstattung über
HipHop in den Mainstreammedien kritisiert. Wurde HipHop deiner Meinung
nach instrumentalisiert von den Medien? Und wenn ja, wo siehst du
mögliche Auswege?

Zunächst ist erst mal klar: MTV, VIVA oder wen auch immer du nennst -
es handelt sich dabei immer um Medienunternehmen und deren Fokus liegt
nun mal primär auf dem Geldverdienen. Womit sie das machen, ob mit
Gangsterrap oder Kaugummimusik, ist ihnen erst mal scheißegal. Das ist
auch nicht sonderlich verwerflich, sondern das ganz normale Verhalten
eines Unternehmens.

Natürlich kann man dann die Frage stellen, ob nicht zumindest eine
Grundmoral existieren sollte in den Sendern und Verlagen, damit eben
nicht mit /jedem/ vermarktbaren Inhalt auch Geld gemacht wird. Aber da,
muss ich dir ehrlich sagen, hab ich den Eindruck, dass den Leuten in den
Unternehmen diese Moral nicht gestattet ist oder einfach fehlt.

Daher ist es schon nicht verkehrt, wenn im Wildstylemag steht, dass die
Sender einen Hype reiten. Aber - und das muss auch klar sein - der Hype
kommt ja nicht aus dem Nichts. Er braucht schon einen Nährboden, nämlich
das Interesse der Leute. Und das scheint da zu sein. Also wird die
Nachfrage eben von den Medien bedient. Klar kann man darüber streiten,
ob die Medien die Macht haben, auch die Interessen der Menschen zu
diktieren, aber ich glaube nicht das Medien wirklich bestimmen können
was Dope ist und was nicht. Das kann man doch daran sehen, dass wir
Journalisten immer unsere Lieblingsthemen haben, aber ob die dann auch
wirtschaftlich erfolgreich sind ist die andere Frage. Wir können nur
anbieten, picken tun die Zuschauer. Und wenn sie eben bei anderen
Inhalten nicht zuschauen dann macht man das wo sie zuschauen. Ich denke
das Problem liegt eher darin WIE sie den Inhalt rüberbringen, also ohne
es Kritisch zu beleuchten, dieses Oberflächliche ist das Problem.

>>Aber grad ein Blatt wie die HipHop Bravo hat doch einen Einfluss auf
die Kids und die anderen Medien und diktiert durchaus, welche Themen
stattfinden und welche nicht.

Sicher. Und ich finde es auch problematisch, wie oberflächlich das
Blatt an die ganze Sache herangeht. Meine einzige Hoffnung was das
betrifft liegt im Augenblick darin das wir alle die Bravo gelesen haben
als Kinder, und irgendwann hat man sich abgewendet und anderweitig
informiert. So werden auch die Leute, die jetzt die HipHop-Bravo lesen
mit 16, 17 Jahren darauf keinen Bock mehr haben und anfangen die Juice
oder Backspin zu lesen. Klar sind die dann schon ein Stück weit
vorbelastet, aber daran kann man dann hoffentlich noch arbeiten.

>> In eurem Huss & Hodn Interview auf Mixery Raw Deluxe fällt die Frage,
warum es denn heute dieses Untergrund-Ding nicht mehr so gibt wie
früher. Ich glaube ja schon, dass es das noch gibt - wie siehst du das?

Den Untergrund gibt es auf jeden Fall noch, aber er ist heute dank des
Internets einfacher zu finden. Wenn es dich interessiert, kannst du dich
eben auch über den letzten Rapper in Oer-Erckenschwick informieren. Das
war früher anders, da es wesentlich schwerer war, neuen Kram zu finden.

Der Underground ist also da, aber eben an der HipHop Oberfläche, wenn
man es so formulieren mag.


>> Wenn man sich anguckt, welche MCs beim breiten Publikum bekannt sind,
dann stellt man fest, dass es nicht unbedingt diejenigen sind, die
skilltechnisch ganz vorne sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie
kommt das? Sind gute Rapper zu schwer zu verstehen für die Masse?

Es gibt natürlich die Leute, die sich viel mit Rap beschäftigen und die
die Skills eines MCs beurteilen können. Die Masse der Leute besteht aber
nicht aus uns Rapnerds sondern aus normalen Hörern, die eben das
mitbekommen, was im Radio stattfindet. Die hängen nicht auf
Freestylejams rum und machen sich ein Bild von Skills. Daher braucht es
keine Skills um heute gut zu verkaufen. Staiger hat da was ganz Großes
letztens gesagt. Er meinte das ein normaler Mensch den Unterschied
zwischen den Fantastischen 4 und Savas einfach nicht hören kann. Ich
denke das bringst auf den Punkt. Wenn du keine Ahnung hast hörst du halt
scheiß Musik.

Auf der anderen Seite will ich auch mal klar sagen, dass die grossen
Rapper von Heute so schlecht auch nicht sind. Klar ist es in Punkto
Skills häufig simple was die machen, aber vor 15 Jahren wären das alles
trotzdem Top-MCs gewesen. Immerhin treffen die ja alle den Takt, was
früher nicht selbstverständlich war.

[UPDATE: Der 2. Teil ist online.]

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Torsten Wieghardt 02/01/2008 14:44

1. Sehr cooles Interview. 2. Allerdings bin ich der Meinung, dass wieder einmal nur auf den Medien rumgehackt wird. Ich persönlich sehe das Problem nicht ausschließlich bei den Medien, auch wenn sie zu einem sehr großen Teil dazu beitragen. Sie verkörpern einfach zuviel bling bling und dollar dollar. Dennoch liegt es einfach an den Menschen. Sie suchen sich einfach keinen besseren HipHop, sie geben sich damit zufrieden, was sie von Mtv und Viva vorgesetzt bekommen. Wenn man jetzt nach Kant geht, würde man sagen, dass die Menschen unmündig sind und es an der Zeit ist, das Menschen wie wir, der Welt zeigen, dass sich HipHop nicht nur um fette Autos, dicke Häuser, Cash und Bi*ches dreht. Es gibt ja noch "Underground Musik" für den Mainstreamuser, die bei uns schon seit Jahren auf der Anlage läuft. Nur ist  es nicht damit getan nur zu meckern, sondern selber aktiv zu werden, versuchen möglichst  viele Fehlgeleitete auf die richtige Bahn zu führen. Es liegt an uns die Jugend zu prägen und den HipHop zu retten.Es lebe der gute HipHop.Peace, ich bin raus