Falk im Interview (Teil 2)

Veröffentlicht auf von Thomas Euler

Heute der 2. Teil des Interviews mit Falk, in dem wir uns über die "Szene" unterhalten, uns fragen, warum es keinen HipHop-Fernsehsender gibt und beleuchten, was HipHop mit Statussymbolen zu tun hat. Den ersten Teil des Interviews findet ihr übrigens hier.

>> In vielen Statements hört man, dass die "Szene" verschwunden wäre. Wie

beurteilst Du solche Aussagen?

Sicher gibt es noch eine Szene, die allerdings in ihre Elemente
gespalten ist. Es gibt die Leute, die permanent draußen am Malen sind,
andere sind total in diesem Rapding engagiert. Das gleiche gilt für DJs
und B-Boys. Die Zahl derjenigen, die sich mit den einzelnen Disziplinen
befassen ist auf jeden Fall gestiegen. Nur machen die eben alle in ihrer
Sparte rum. So das alle mal zusammen was machen das ist eben weniger
geworden, bis nicht mehr existent. Die Kinder sind flüge und vergnügen
sich eben draussen in der Welt.

Aber diese ganze HipHop-Definition ist ja sowieso eine künstliche, die
irgendwann mal erfunden wurde, weil es für die Promotion von 2 Filmen
gebraucht wurde. Und natürlich war das alles auch nett und hat den
Leuten gefallen, weshalb sich diese Definition dann durchgesetzt hat.
Nur glaube ich nicht, dass sie heute mehr oder weniger mit der Realität
zu tun hat als früher. Es gab schon immer die Writer, die keinen Rap
gehört haben sondern Rock oder Punk. Und auf Graffitijams hat man auch
nicht unbedingt einen großen Anteil Rapper als Besucher.

Letztlich kann man wohl sagen, wir sind so real HipHop wie noch nie und
so weit weg von der Definition wie noch nie. Klingt paradox, ist es
auch, aber so schaut's aus.

>> Wenn wir den Blick in unser Nachbarland Frankreich werfen, sehen wir,
dass es da eine ziemlich stark vernetzte Szene gibt. Dort gibt es sogar
einen eigenen HipHop-Fernsehsender. Warum hat sich sowas in Deutschland
nicht entwickelt?

Ich kenn mich jetzt nicht genau in der französischen Medienlandschaft
aus, aber ich kann mir vorstellen, dass es dort wesentlich weniger frei
empfangbare Sender gibt [Anm. d. Red.: Womit Falk vollkommen Recht
hatte. Es gibt tatsächlich nur 2 kostenlose Privatsender und 2
öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten in Frankreich]. In Deutschland
gibt es jedenfalls so viele Sender kostenlos, wie nirgends sonst in
Europa. Daher haben es alle Angebote schwer, für die man bezahlen soll.
Außerdem ist Deutschland sehr bürokratisch, was Rundfunklizenzen
anbelangt. Viva musste z.B. in Niedersachsen extra ein Büro eröffnen und
dort jemanden beschäftigen, um eine Lizenz von der
Landesmedienanstalt zu bekommen. Dank dieser Strukturen ist Deutschland
ein sehr schwieriger TV Markt. Das Risiko mit einem HipHop Sender auf
voll TV Lizenz baden zu gehen wäre zu gross.

Außerdem ist es natürlich auch mit einem riesigen finanziellen Aufwand
verbunden. Grade in Deutschland hast du es sehr schwer, für ein
HipHop-Projekt das Kapital aufzutun. Ich erzähl dir mal eine Story aus
'98 / '99, so die Zeit. Damals hab ich für ein großes
Telekommunikationsunternehmen gearbeitet. Irgendwann hab ich
mitbekommen, dass die eine extra Abteilung haben, die sich um
Jugendmarketing kümmert. Also hab ich eine Mail dahin geschrieben, ob
sie kein Interesse an Marketing im HipHop-Kontext hätten. Ein paar
Wochen später traf man sich zu einem Gespräch.

Die waren damals grade dabei, ein neues TV-Format zu unterstützen und
befragten mich, was die HipHop-Szene von bestimmten Moderatoren hält, ob
es die Szene stören würde, wenn sie diesen Moderator aus dem HipHop
Format nehmen und in ein Elektro- und Lounge Format stecken würden. Nö,
hab ich gesagt, die würden das Super finden. Als ich dann fragte, warum
sie denn nicht im Rap-Umfeld präsent sein wollten, wo immerhin die Kids
waren, die in dem Alter (zu der Zeit) noch kein Handy hatten (Damals gab
es in Deutschland ca. 4 Millionen Handy nutzer, heute ca. 70 Millionen
???) , sagten sie mir, dass ihnen die ganze Szene zu aggressiv und zu
nah an der Straße sei. Und das in diesen Jahren schon. Explizit haben
sie Leute wie Ferris MC genannt. Dann kannst du dir vorstellen, wie
schwer sich die Unternehmen mit dem heutigen Image von HipHop tun. Damit
wollen die am liebsten nichts zu tun haben.

 >> Dank dem Internet wird es derzeit immer günstiger, auch Bewegtbild zu
verbreiten und an den Mann zu bringen. Siehst du da in den nächsten
Jahren was kommen oder weißt vielleicht von Plänen?

Von Plänen weiß ich nichts und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht,
dass es da in der nächsten Zeit einen richtigen HipHop-Sender geben
wird. Du hast zwar Recht, dass es bei Weitem nicht so teuer ist wie eine
Sendung im Fernsehen, aber immer noch teuer genug.

Ich hatte aber mal eine ganz andere Idee: Einen öffentlich-rechtlichen
Musikfernsehsender. Die Öffentlich Rechtlichen Anstalten haben ja auf
vieles reagiert: Auf Nickelodeon mit Kika, auf N-TV mit Phoenix,
mittlerweile gibt es einen Theaterkanal, einen Dokukanal und so weiter.
Irgendwann habe ich mich gefragt: warum machen die denn keinen
Musiksender? Grade in Zeiten, in denen MTV und Viva Musik nur noch zu
Uhrzeiten spielen, zu denen normale Menschen schlafen.

Ich hab dann auch mal mit ein paar Menschen in den Sendern gesprochen,
aber damals hat dort niemand den Bedarf gesehen, weil sie sagten, es
gäbe ja schon MTV und Viva. Aber wenn es einen Ort gäbe, wo auch mal
Musik abseits des Mainstreams stattfinden könnte, wäre das in meinen
Augen ein solcher, öffentlich-rechtlicher Sender. Finanziell sind die
Anstalten kaum von Werbegeldern abhängig, weshalb sie sich nicht so
extrem aktuellen Trends unterwerfen müssten. Wenn da mal einer käme und
denen die Notwendigkeit aufzeigen würde, könnte das wirklich eine
interessante Alternative werden.

>> Wo liegen in deinen Augen Potentiale versteckt, um HipHop in der
Öffentlichkeit ganzheitlicher darzustellen, wenn du überhaupt welche siehst?

Sehe ich auf jeden Fall. Auch hier vor allem wieder bei den
Öffentlich-Rechtlichen. Leider sitzen dort in den Redaktionen jedoch die
falschen Leute, die sich nichts trauen, und nichts wissen. Ich sehe doch
wie sie Bock haben. Orgi, Samy, Bushido, Lady Bitch Ray, die holen sich
das ja schon in die Sendungen. Aber sie scheitern total daran mit diesen
Menschen zu reden. Es hängt natürlich auch von den Rappern ab wie die
sich geben können, aber seien wir mal ehrlich, alles geht dort doch auch
nur auf dieselbe Schiene „Rap ist Gewalt, sie verrohen unsere Jugend,
sie verdienen Millionen damit“ usw.

Da denke ich doch: Ey, wie wäre es denn, wenn ihr mal auf den Grund des Problems kommt, es sind doch nicht
die Rapper an den sozialen Problemen der Leute schuld. Dass es so viele
Arme gestalten gibt liegt doch nicht an Rap, das liegt an der
Sozialpolitik, und da muss mal drüber gesprochen werden. Ne, da fragen die
dann lieber nach dem Tabubruch und der Provokation, und ob das OK sei.
Nein, es ist nicht OK, dass ihr die falschen Fragen stellt. Und wenn ich
dann sehe, dass die öffentlich-rechtlichen Sender auch noch die ganzen
Formate der Privatsender kopieren dann kommt's mir hoch. Für meine
Rundfunkgebühren will ich eine qualitative Alternative zu dem Müll bei
den Privaten. Deshalb verstehe ich nicht, warum es nicht bei einem der
Öffentlich-Rechtlichen ein anständiges Jugendformat gibt. Würde
man sowas vernünftig umsetzen, könnten sie auf jeden Fall Jung und Alt
erreichen.

>> Ihr habt auf Mixery Raw Deluxe ein Interview mit Kinderzimmer
Productions, das kurz vor ihrem Rücktritt erschienen ist. Dort sagt
Textor, dass er vor kurzem mal wieder eine Juice durchgeblättert hätte
und dort in den Interviews feststellen musste, dass 80% der Zeit über's
Geschäft geredet wird. Das kann man durchaus so unterstreichen. Daher
mal eine etwas gewagtere These: Wäre es für Rap nicht eventuell positiv,
wenn er kommerziell eine Weile nicht mehr verwertbar wäre, da die Leute,
die dann noch dabeibleiben würden, sich wirklich aus Liebe zur Musik
damit befassen würden?

Wenn Menschen Blind in einer Höhle umherlaufen, dann werden sie niemals
dorthin zurückkehren, nachdem sie das Tageslicht gesehen haben.

So ist auch mit Rap. Früher wussten wir nicht, dass man mit Rap auch
Geld verdienen kann, weshalb wir es alle nur aus Spaß an der Sache
gemacht haben. Mittlerweile ist dieses Wissen allerdings da und wird
auch nicht wieder verschwinden. Selbst wenn Rap kommerziell nun eine
Weile nicht mehr erfolgreich wäre, gäbe es noch die Menschen, die sich
daran erinnern, dass man damit auch mal Geld machen konnte. Und wenn mit
der Sache Geld verdient werden kann, dann wird darüber auch geredet.

>>Aber ein erfolgreicher Jazzmusiker verkauft auch seine Platten, redet
in Interviews aber über seine Musik und nicht sein Geschäft.

Stimmt. Aber HipHop ist auch die größte Ego-Maschine der Welt - jeder
MC, jeder B-Boy will der Beste auf seinem Gebiet sein. Und seitdem damit
auch Geld gemacht werden kann, wird eben auch darüber gesprochen. Da
funktioniert die Denke eben so „Viel Geld, Viel gut“.

>> Ist nicht auch mangelndes Selbstbewusstsein im Spiel, wenn sich die Leute über ihre Ketten
und ihr Geld definieren müssen anstelle ihrer Musik?

Klar, auch das. Wenn ein paar penislose Menschen da draußen auf einmal
Erfolg haben, Geld verdienen und Frauen abbekommen reden die auch
darüber. Und die anderen penislosen Kerle bekommen das mit und eifern
dem natürlich nach.

Generell ist HipHop in meinen Augen Kapitalismus in Reinkultur.
Wahrscheinlich weil der Mensch eben so ist. Er will immer größer, besser
und schneller sein als der Rest. Und im HipHop darf er es auch
unverhohlen zu Schau tragen.

>> Was nicht immer so war.

Das ist ähnlich wie bei einer Religion, Sekte oder Ähnlichem. Das
beruhte alles ursprünglich mal auf einer idealistischen Idee, an die ein
paar Leute geglaubt haben, wie beim HipHop auch. Wenn es aber größer
wird und mehr und mehr Menschen dazukommen, zeigt sich eben die
Realität, der Mensch wie er ist.

Dann hast du im Prinzip drei Alternativen: Nummer eins - was auch viele
Leute gemacht haben - du drehst dem Ding den Rücken zu und suchst dir
was anderes. Ich war auch schon kurz davor zu sagen: "Okay, jetzt
schmeiß ich das Handtuch, mir langt’s", aber dann hab ich mich dafür
entschieden, meine Meinung zu sagen, mir anzugucken was neu passiert.
Und der dritte Weg ist schließlich, an seinen idealistischen Ideen zu
hängen und sich den neuen Einflüssen zu verwehren. Wobei man dann damit
klarkommen muss, dass man ständig abgefuckt von der Realität ist und
sich scheiße fühlt.

Das ist aber nicht nur mit HipHop so, sondern im gesamten Leben

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