Snoop Dogg arbeitet mit Ghostwritern

Veröffentlicht auf von Thomas Euler

Was klingen mag wie ein Gerücht, das in die Welt gesetzt wurde, um Snoop übel mitzuspielen, ist in Wahrheit das, was er im Interview mit dem US-Mag XXL preisgab. Im ersten Moment schluckt man, wenn man sowas als rapsozialisierter Mensch liest. Immerhin muss ein MC seine Texte ja selber schreiben, sonst ist er nicht real. Doch muss er wirklich? Diese Frage ging mir in der letzten Zeit schon des Öfteren durch den Kopf, weshalb sich diese "Enthüllung" von Snoop wunderbar als Aufhänger anbietet, meine Gedanken dazu niederzuschreiben.

In besagtem Interview sagt Snoop u.a. folgendes:

“I was watching Diana Ross get inducted into a Hall of Fame, and she got up there and named all of these great songwriters. Her biggest songs were written by somebody else, so I’m thinking, Wow, there’s nothing wrong with my pen, but I’m going to let other people write for me.”

Das ist auch in etwa das Argument, was Ghostwriting für mich irgendwo okay machen könnte. In anderen Musikgenres ist es Gang und Gebe, dass die Sänger ihre Texte nicht selber schreiben. Es gibt eben die Personen, die singen können und auf der anderen Seite die, die gute Texte schreiben, aber eben keine Goldkehlchen sind. Warum sollte das im Rap anders sein?

Zudem ist es nicht wirklich ein Geheimnis, dass es Ghostwriting im HipHop-Circus schon lange gibt. Von Eko wissen wir, dass er bei anderen Künstlern die Hand angelegt hat und über Dre ist bekannt, dass auch er sich einst Texte schreiben ließ. Bis lang ist es so, dass der Ghostwriter zwar Geld für seine Tätigkeiten bekommt, jedoch nichts vom Fame; in den Credits findet man seinen Namen in aller Regel nicht. So gesehen nicht unbedingt "nett". Bei Snoop ist das anders - z.B. erfährt der Leser im XXL-Interview, dass Sensual Seduction von Shawty Red geschrieben wurde.

Also doch Ghostwriting akzeptieren und offen damit umgehen? Nun, da wäre noch die Kehrseite der Medaille. HipHop im Allgemeinen und eben auch Rap im speziellen lebt ja von der Mitmach-Mentalität. Jeder kann, soll und darf sich einbringen und seinen eigenen Kram machen. Außerdem braucht man als Rapper kein ausgeprägtes Gesangstalent. Klar, eine einprägsame Stimme ist von Vorteil, aber es geht auch ohne D-Flame-Bass. Daher braucht an sich kein talentierter Lyricist zum Ghostwriter werden - soll er es eben selbst rappen, aufnehmen und rausbringen.

Und dann wäre da noch die Erwartungshaltung, die ich an einen MC habe: Realness. Was man übrigens nicht mit der viel beschworenen, in meinen Augen überbewerteten, Authentizität verwechseln darf. In einer MTV TRL-Diskussionsrunde sagte Staiger unlängst sinngemäß, dass ihm diese Debatte fürchterlich auf den Sack gehe, da Rap eben auch Kunst sei - von Steven King erwarte schließlich auch niemand, dass er in seinem Keller Menschen foltere. Absolut richtig.

Was ich allerdings mit Realness meine ist, dass ich von einem MC erwarte, dass er wirklich seine eigenen Ideen umsetzt, kreativ ist und nicht, wie es so schön heißt, bitet. Bleibt also folgende Frage: Was ist die Kunst am Rap? Ist es bereits das Rappen an sich? Oder gehört das Textschreiben zwangsläufig dazu?

Die Antwort auf diese Frage hängt in meinen Augen stark davon ab, welchen Zugang man zu Rap hat und wie man ihn hört. Geht man davon aus, dass Flow nichts mit dem Textschreiben, sondern dem Rappen an sich zu tun hat und ist Flow mein Bewertungskritierium Nummer 1, dann könnte ich zu dem Schluss kommen, dass die Kunst das Rappen an sich ist, was Ghostwriting dann akzeptabel machen würde. Wobei durchaus fraglich ist, ob der Flow nicht durch den Text und Beat bereits relativ vorgegeben ist, wenn ich einen fertigen Text erhalte. Takt bleibt Takt und Silbenzahl bleibt Silbenzahl - da gibt es nicht mehr unendlich viele Möglichkeiten, wie ich die Worte auf den Beat packe.

Sind für mich aber Wortspiele, Vergleiche und Doppelreime - die Dinge also, die man unter Skills zusammenfassen kann - entscheidend bei der Bewertung eines MCs, dann kann ich Ghostwriting nur schwer akzeptieren, weil der rappende MC gar nicht der Urheber all dessen ist.

Persönlich bin ich der zweiten Auffassung. Dennoch kann ich nachvollziehen, wenn man anders darüber denkt und das Zurückgreifen auf fremde Songwriter nicht als totalen Sündenfall ansieht. Denn das Endprodukt kann natürlich trotzdem überzeugend sein. Bei mir käme es allerdings immer mit fahdem Beigeschmack auf den Plattenteller.

Wie seht ihr das? Ist Ghostwriting okay oder ein absolutes Tabu?



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