Review: Morlockk Dilemma - Omnipotenz in D-Moll

Veröffentlicht auf von Thomas Euler

Morlockk Dilemma ist schon seit geraumer Zeit kein Unbekannter mehr in der hiesigen Raplandschaft. Von Kritikern, allen voran vermutlich Falk, wird er hartnäckig empfohlen. Warum? Nun, er gehört vermutlich zu einem der interessantesten MCs die dieses Land aktuell zu bieten hat. Er vereint Skills und Sprachgewandtheit, Straßenroughness und tiefgründige Themen und battlet genau so gut, wie er Geschichten erzählt.

Nun hat er mit Omnipotenz in D-Moll sein zweites Soloalbum nach Index Finest veröffentlicht; 2007 gab es noch ein gemeinsames Album mit V-Mann: Hang zur Dramatik. Um es gleich vorwegzunehmen: Wer Dilemma noch nicht kennen sollte, wird sich in seine Stimme und seinen Staccato-Flow erst hineinhören müssen. Doch wer dies tut, wird mit einem wahren Rap-Schmankerl belohnt.



Musikalisch ist das Album ziemlich samplelastig und kommt angenehm dreckig & rough daher. Für die Produktionen zeichnet sich größtenteils Dilemma selbst verantwortlich, Gastproduzenten sind lediglich Dexter und Vräter, die insgesamt drei Beats beisteuern. Alle Produktionen tragen Flow und Stimme von Dilemma perfekt und bieten seinen komplexen Flows Raum zur Entfaltung.

Das vielleicht größte Talent von Morlockk Dilemma ist das Storytelling. Geschlagene sieben Tracks des Albums lassen sich dieser Gattung zuordnen und machen die thematische Vielfalt deutlich, die Dilemma in seinem Repertoire hat. Schon der erste Track nach dem schlagkräftigen Intro zeigt dies. In Bootlegdeath rechnet er sadistisch (und natürlich verbal) mit dem Bootlegger ab, der Hang zur Dramatik im Internet vor dem offiziellen Release leakte. Dass er auch narrative Kniffe beherrscht, macht die Songstruktur deutlich, in der mit einer cleveren Rückblende gearbeitet wird.

Wer Morlockk Dilemma sagt, muss auch von Zynismus reden. Düster geht es bei ihm zu und nicht immer ganz konform mit den Genfer Konventionen, dennoch hört man hier keinesfalls Songs eines Depressiven. Vielmehr sind die Texte gespickt von schwarzem Humor und regen, völlig ohne Zeigefinger, zum Nachdenken an. So heißt es in Es kümmert mich nicht: „Im Winter ist es jetzt warm, doch es kümmert mich nicht / Alles erstickt hier im Chaos, doch es kümmert mich nicht". Später beschreibt Dilemma noch, wie er sich kommende TV-Formate wünscht. Da ist dann schon mal von "Junkie-Nutten-Zwangs-Sterilisation moderiert von Oliver Geißen" die Rede.

In 11.09. schildert Dilemma dann, wie er den 11.09.2001 erlebt hat, das Datum seines 20. Geburtstag. Und der Tag, an dem das World Trade Center Opfer der Attacke wurde. „Immer wenn ich Geburtstag feiern will trauert die Welt". Wie Dilemma zu Beginn des darauf folgenden Tracks selbst sagt, ist ein Liebeslied auf einem Rapalbum obligatorisch und er nimmt sich von dieser Regel nicht aus. Doch Morlockk Dilemma wäre nicht Morlockk Dilemma, fiele ihm hier kein neues Konzept ein. Und so bekommt man weder einen Track an die Freundin, die Ex oder seine Mama zu hören, sondern mit AK47 eine Liebeserklärung an das gleichnamige Sturmgewehr. Das Ganze präsentiert auf einem äußerst melodischen Beat und "All I Need"-Vocal Sample, passender Weise angereichert mit der ein oder anderen Maschinengewehrsalve. Der bereits angesprochene, teils morbide Züge annehmende Zynismus von Dilemma zeigt sich dann in Lines wie: „Ich frage mich wann halt ich dich bloß endlich in meinem Arm / bis dahin beneide ich jeden kenianischen Kindersoldat"

Acht auf deinen Mund ist dann ist dann ein klassischer Battletrack, keinesfalls ein schlechter, allerdings einer der schwächsten Tracks auf dem Album. Das spricht jedoch viel mehr für die hohe Qualität des Albums als für einen echten Aussetzer. Erwähnt werden sollte zudem, dass der Track unter anderem auch den Ex-Non Phixion-MC Goretex featured.

Die Geschichte eines 50€-Scheins, den wir dabei beobachten können wie er fortwährend den Besitzer wechselt, um am Ende wieder bei seiner ursprünglichen Besitzerin anzukommen, erzählt Dilemma in Fuffie. Auf der Hook singt Damion Davis ein paar Lines und getragen wird der Song von einem großartigen Beat, der auf einem Bläsersample basiert. 

Auf Ruff Ragged n Raw Pt. 2 hat sich Dilemma Desser D. und Choleriker ins Boot geholt, die in ihren jeweiligen Parts durchaus überzeugen, allerdings nicht die gleiche Präsenz wie ihr Gastgeber erreichen. Der liefert ein regelrechtes Punchlinemassaker ab: „Ich schreib Schlagzeilen im Takt / und zeige Dir wie man aus einem Schwarten eine Nachspeise macht / dein Gesicht gibt eine gute Dartscheibe ab / ich ziele auf dich doch vor Gericht ziel ich's auf Straffreiheit ab / ich seh' keinen von Euch der meine Kragenweite hat / als ob mein Nacken den Umfang eines Straßenpfeilers hat" usw. usf.

Zur Einleitung von Wunderschöner Tag hören wir Falk aka Hawkeye, der die Frage stellt, wie denn einer normaler Tag im Leben eines Morlockk Dilemma aussehe. Dieser erzählt dann eine aberwitzige Geschichte, in der er als Chemiker mit selbstgezüchteter Substanz durch die Stadt zieht und diese auf die Menschen loslässt. Wie man sich schon denken kann, wirkt sie sich nicht gerade positiv auf deren Gesundheitszustand aus. Antrax lässt grüßen. Daher ist der Track abermals ein Musterbeispiel für die Art und Weise, wie es Dilemma versteht, sich eines Themas anzunehmen, ohne dabei abgedroschen oder langweilig zu werden.

Feuer nimmt sich danach eben diesem Element an und wie jeder Mann hat auch Dilemma offensichtlich ein Faible für das lodernde Etwas. Zorn ist ein Feature mit seinem alten Kollabo-Partner V-Mann und beschäftigt sich, wie der Titel schon vermuten lässt, mit Zorn. Für Dilemma ist er die "Stimme des Triebes" und eine ihm wohlbekannte Emotion. „Ich ringe mit dem Dämon doch er sitzt in jeder meiner Poren".

Ein weiterer genialer Storytelling-Track ist Evolution, der zwei unterschiedliche Plots erzählt. Der erste Part beschreibt den Werdegang eines HipHop-liebenden jungen MCs, der mit seiner ehrlichen Musik keinen Erfolg verbuchen kann. Schließlich ergattert er einen Vertrag bei einem Musikmanagement und wird umgestylt zu einem marktkompatiblen Produkt. Im zweiten Part wird die Entwicklung des wilden Wolfes hin zum zahmen Schoßhündchen beschrieben. Beide Parts umfasst die große Klammer „Evolution" und die Frage danach, welchen Preis man bereit ist zu bezahlen, um gewisse 'evolutionäre Stadien' zu erreichen.

Unterwegs ist wohl die Partynummer des Albums, die nicht ganz so eingängig ist wie die übrigen Tracks. Kurz abgehandelt: Mit den Jungs in der Stadt, saufen und bisschen Welle machen. Der folgende Skit ist der Song eines mir unbekannten Liedermachers (Google findet keine Lyrics, wenn der Titel "Poet der Straße" ist, könnte es sich um Michael Holm handeln; weiß jemand mehr?), der wohl über Morlockk Dilemma geschrieben worden sein könnte.

In Assiklatsche beschäftig sich Dilemma mit Stolz und Männlichkeit. Er erzählt von einem Gang zur Bahn, auf dem er einem Betrunkenen begegnet. Eine Pöbelei entwickelt sich, fast kommt es zur Schlägerei. Jedoch reisst sich der Ich-Erzähler zusammen, immerhin ist seine Freundin dabei, und entgeht ihr schließlich. Dann jedoch bricht Dilemma die Erzählung ab und beginnt nochmals von vorne. Diesmal entwickelt sich alles ein bisschen anders.

WittenLeipzig ist ein Feature-Track mit Lakman, meiner Meinung nach der überzeugenste Gastbeitrag des Albums, da Lucky einen wirklich kranken Beitrag leistet. Zitat gefällig? "Ich brech Dir deinen Kiefer Sutherland". Überzeugender Battlekram.

Filmsamples findet man schon immer auf Rapplatten. Wo Dilemma allerdings gekramt hat um das einleitende Sample für Gentleman zu finden, ist durchaus eine legitime Frage. In der Folge nimmt er sich thematisch der Damenwelt an. Lassen wir ihn am besten selbst zu Wort kommen: „Du brauchst die Zigarette danach? Ab heute rauchst du sie kette - wetten!?" „Bitches hauen mir auf die Pfoten / denn ich greif ihnen im Club an die Titten / doch ich schau nur nach Knoten". Das folgende Nur Worte kann eigentlich mit einer Line daraus beschrieben werden: „Ihr wollt keine Rapper, ihr wollt Catcherkarikaturen"

Abgeschlossen wird das Album von Nachtrag. Auf einem sehr düsteren Beat teilt Morlockk aus. So bitter-böse, dabei aber kaum stupide Punchlines habe ich in letzter Zeit selten gehört. „Wenn ich von Massengräbern rede bin ich nur jemand der platzsparend denkt"

Das Album gehört definitiv in jede anspruchsvolle Plattensammlung und wird auch nach mehrmaligem Hören nicht langweilig. Denn es gibt jede Menge zu entdecken, was sich dem Hörer erst nach einigen Hördurchgängen eröffnet. Ganz ähnlich wie Details in einem guten Film. So in etwa kann man das Album auch abschließend beschreiben: Hörfilm. Digg it! 


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