HipHop, Kunst & Hochkultur

Veröffentlicht auf von Thomas Euler

Mark Terkessidis hat für den Tagesspiegel einen Artikel verfasst, der sich mit dem Verhältnis von authentischem Straßenrap und Hochkultur befasst. Er schreibt beispielsweise:
"Was motiviert Jugendliche aus Unterschichtmilieus dazu, stets die Rolle des bösen Buben zu spielen oder sie spielen zu wollen? Soziologische Erklärungen greifen hier zu kurz. Rapper produzieren Kultur, und daher wäre es angebracht, einmal Ursachenforschung im Bereich der Kultur zu betreiben. Wenn man den Blick in diese Richtung wendet, dann zeigt sich bald, dass Jugendliche aus der Unterschicht, ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund, in diese Rolle geradezu hineingedrängt werden. Zum einen, weil bei diesen Jugendlichen vielfach davon ausgegangen wird, dass sie „so“ sind und dass Rappen über die Zustände auf „der Straße“ ihre einzige kulturelle Ausdrucksmöglichkeit ist. Und zum anderen, weil die hoch subventionierten Institutionen der Hochkultur sich überhaupt nicht dafür interessieren, diese Jugendlichen an eine andere Ästhetik heranzuführen als jene der angeblichen Straße."
Weiter führt er aus:
"Rappen scheint für Jugendliche aus „sozialen Brennpunkten“ deswegen so geeignet zu sein, weil vorausgesetzt wird, dass diese Jugendlichen zu nichts anderem in der Lage sind, als vollkommen authentisch zu sein. Insbesondere im Fall von Einwandererkindern gilt: Egal was sie reden oder tun, immer ist es entweder ein Ausdruck der jeweiligen Tradition oder es ist eben ein Bericht vom Leben auf „der Straße“. Zu einer echten künstlerischen Bearbeitung ihrer Erlebnisse scheinen diese Jugendlichen nicht in der Lage zu sein; sie können nichts darstellen – immer erzählen sie die Geschichte ihres eigenen Lebens."
Damit proklamiert er, aus Sicht des Feuilletons, dass die vielbeschworene Authentizität letztlich die künstlerische Ausdrucksstärke von Rap mindert. Dass sie darüber hinaus auch vielfach gefordert und als zum guten Ton gehörend aufgefasst wird, würde demnach auch die künstlerische Freiheit eines Rappers beschneiden.

Damit hat Terkessidis nicht ganz Unrecht. In Zeiten, in denen sich viele Kids zum Rapper berufen fühlen, die kaum mehr zu berichten wissen, als von ihrem harten Umfeld, können beim Hörer nach der x-ten Geschichte über den privaten Sraßenhustle durchaus Ermüdungserscheinungen auftreten. Daher wünsche ich mir oft mehr Mut zum kreativen Risiko und mehr Experimentierfreude. Wie man dies anstellt und sich dabei dennoch den raptypischen Thematiken bedient, haben ja beispielsweise K.I.Z. perfekt vorgemacht. Und ehrlich gesagt ist es mir doch vollkommen egal, ob die Jungs tatsächlich ausgestopfte Rapper über ihrem Kamin hängen haben. Im Gegenteil wären sie mir dann doch eher unheimlich. Guter Rap muss also nicht authentisch sein. Zu oft wird dadurch nur eines: langweilig.

Dennoch hat auch glaubwürdiger Straßenrap seine Berechtigung. Vielleicht weniger als künstlerisches Werk, dafür jedoch als eine Art Bericht. Schon immer gab es Menschen, die sich der Musik bemächtigt haben, um auf Umstände und Lebensrealitäten hinzuweisen, die einem Großteil der Bevölkerung ansonsten nicht gegenwärtig werden würde. Und diese Realitäten sind eben nicht immer schön. Natürlich kann trefflich darüber diskutiert werden, ob der neutrale bis glorifizierende Tonfall, in dem dies heutzutage gerne getan wird, die richtige Herangehensweise darstellt. Dies kann man sicher so oder so sehen, mir jedenfalls ist es alle Mal lieber, selbst zum Denken angeregt zu werden, als permanent erhobene Zeigefinger vor meiner Nase zu haben.

Somit hat Streetrap also seinen festen Bestandteil in meiner privaten Selection. Dennoch ist Dies- und Jenseits davon viel Platz für andere Spielarten des Rap, ohne die es mir ebenso schnell langweilig werden würde. Insofern schließe ich mich der Forderung von Terkessidis durchaus an und wünsche mir vom Nachwuchs, sich eine eigene kreative Nische zu suchen. Copycatrap ist nämlich genauso spannend wie der dreihunderteinundzwanzigste Tetrisklon. Und dort wie Rap zeigt die Geschichte: Wirklich erfolgreich war auch immer nur das Original.


Weiterführende Artikel:
>> Tagesspiegel: Neue Rollen braucht das Land

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